Dr. Wilfried Henes & Andrea Böing
Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin
Kinderpneumologie
Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) ist ein einzelsträngiges (ss), negativ orientiertes (-), unsegmentiertes RNA-Virus aus der
Familie Pneumoviridae (Genus Orthopneumovirus). Es besteht aus einer doppelschichtigen Lipidhülle, in die Glykoproteine eingelagert sind, darunter ein Fusions-(F) und ein Adhäsions-(G)-Protein. Es gibt zwei Gruppen (A und B), die sich in der Antigenstruktur des G-Proteins unterscheiden. Virusstämme beider Gruppen zirkulieren gleichzeitig, in den meisten Jahren dominiert RSV A. Der Mensch stellt das einzige Reservoir für das humane RSV dar. In zilientragenden Epithelzellen der Schleimhäute der Atemwege findet die Virusreplikation statt. Durch Synzytienbildung und die körpereigene Immunreaktion werden die Epithelien reversibel geschädigt. Der dabei entstehende Zelldetritus, einwandernde Abwehrzellen und Mukus verlegen die Bronchien, sodass nichtbelüftete, aber auch kompensatorisch zu stark belüfteten Lungenarealen entstehen können. In der Regel verläuft die Infektion selbstlimitierend, die Epithelien regenerieren sich innerhalb von vier bis acht Wochen.
Informationen über die zu verhütende Krankheit
Erreger, Übertragung und Verbreitung
RSV ist einer der häufigsten Ursachen von Erkrankungen der unteren Atemwege bei Säuglingen (insbesondere Frühgeborenen) und Kleinkindern. Innerhalb des ersten Lebensjahrs haben circa 50 bis 70% und bis zum Ende des zweiten Lebensjahrs nahezu alle Kinder mindestens eine RSV-Infektion durchgemacht. Es besteht kein vollständiger Nestschutz. In den ersten vier bis sechs Wochen können Neugeborene durch diaplazentar übertragene Antikörper vor einer RSV-bedingten Erkrankung geschützt sein. Aufgrund der geringeren Versorgung mit maternalen Antikörpern können Frühgeborene in den ersten Lebenswochen schwer erkranken.
Die Übertragung erfolgt in erster Linie als Tröpfcheninfektion. Konjunktiven und Nasenschleimhäute bilden die Eintrittspforte. Es wird angenommen, dass eine Übertragung auch indirekt über kontaminierte Hände, Gegenstände und Oberflächen möglich ist.
RSV ist weltweit als akute Infektion der oberen und unteren Atemwege verbreitet und kommt in jedem Lebensalter vor. Es tritt saisonal vorwiegend von November bis April (v. a. Januar und Februar) gehäuft auf. Über die Zirkulation von RSV in Deutschland informiert ganzjährig der ARE-Wochenbericht des RKI.
Inkubationszeit und Krankheitsbild
Die Inkubationszeit beträgt zwei bis acht Tage. Infizierte Personen können vor Symptombeginn bereits infektiös sein und sind in der Regel drei bis acht Tage ansteckend. Während immunkompetente Personen meist für ungefähr eine Woche ansteckend sind, können Frühgeborene, Neugeborene, immundefiziente bzw. immunsupprimierte Personen dagegen das Virus über mehrere Wochen hinweg ausscheiden.
Eine RSV-Infektion kann einen asymptomatischen Verlauf bis zu einer einfachen Atemwegsinfektion oder zu einer schweren beatmungspflichtigen Erkrankung der unteren Atemwege führen. Eine Primärinfektion mit RSV führt fast immer zu einer deutlichen klinischen Symptomatik. Die Erkrankung kann auf die oberen Atemwege beschränkt sein, sich aber auch als Bronchiolitis, Pneumonie oder Tracheobronchitis äußern. Fieber ist häufig. Im Krankheitsverlauf treten häufig zunächst Symptome eines Infekts der oberen Atemwege auf, die im Verlauf zu Symptomen unterer Atemwegserkrankungen fortschreiten können. Schnelle Veränderungen des Zustandes sind möglich, weshalb eine wiederholte klinische Untersuchung wichtig ist.
RSV-Reinfektionen sind häufig und kommen in jedem Lebensalter vor. Meist verläuft die Krankheit milder als die Primärinfektion und dauert etwa drei bis zwölf Tage, wobei respiratorische Symptome, insbesondere Husten, über mehr als vier Wochen anhalten können.
Bei Erwachsenen sind RSV-Infektionen häufig unterdiagnostiziert, weil sie oft asymptomatisch oder als unkomplizierte Infektion der oberen Atemwege verlaufen. Außerdem wird in der Praxis auch bei Verdacht nicht routinemäßig auf RSV getestet. Komplikationen einer RSV-Infektion treten insbesondere bei Risikopatienten auf. Bei Patienten aller Altersgruppen mit chronischen pulmonalen und kardialen Vorerkrankungen und mit schweren neurologischen Erkrankungen kommt es oft zu einer Exazerbation der vorbestehenden Erkrankung. Diese sowie alle immundefizienten und immunsupprimierten Personen haben ein besonderes Risiko an einer schweren RSV-bedingten Pneumonie zu erkranken. Als Langzeitkomplikation sind wiederkehrende Obstruktionen und eine anhaltende Hyperreagibilität des Bronchialsystems als Folge einer akuten RSV-induzierten Bronchiolitis beschrieben.
Bei hospitalisierten Kleinkindern unter zwei Jahren wird eine Letalität im Mittel von 0,2% ohne bekanntes erhöhtes Risiko, 1,2% bei Frühgeborenen, 4,1% bei Kindern mit bronchopulmonaler Dysplasie und 5,2% der Fälle bei Kindern mit angeborenem Herzfehler angenommen.
Gerade bei Älteren sind schwere Verläufe, insbesondere bei Vorerkrankungen häufig. Die Letalität liegt hier bei hospitalisierten Patienten zwischen 6 und 11 %.
Behandlungsmöglichkeiten
Eine kausale Behandlung der RSV-Infektion existiert nicht. Die Therapie erfolgt symptomatisch mittels ausreichender Flüssigkeitszufuhr zur Sekretmobilisation und Kochsalznasenspülungen oder -tropfen.
Nach individuellem Zustand des Patienten können Sauerstoffgaben erforderlich werden. Bei Patienten mit Atemnot kann die Inhalation mit Bronchodilatatoren, insbesondere Adrenalin, helfen. Inhalativ verabreichte Kortikosteroide sind nicht wirksam. Die systemische Gabe kann zur Verringerung der Akutsymptome und deren Dauer beitragen. Eine antibakterielle Therapie ist nur bei bakterieller Superinfektion indiziert.
Als antivirale Therapie steht nur die kaum noch durchgeführte inhalative Ribavirin-Behandlung zur Verfügung, welche in Placebo-kontrollierten Studien keinen eindeutigen günstigen Effekt auf die Häufigkeit der Beatmungspflicht, die Dauer der intensivmedizinischen Therapie oder des Krankenhausaufenthaltes bei einer RSV-induzierten Erkrankung und auf die Entwicklung einer Pneumonie nachwies, sodass die Ribavirin-Therapie nicht mehr empfohlen wird.
Nutzen der Impfung für das Individuum und die Allgemeinheit
Trotz konsequenten Einhaltes von Hygieneregeln ist eine gänzliche Vermeidung von RSV-Infektionen im Alltag schwierig. Hierzu gehören regelmäßiges Händewaschen, hygienisches Husten und Niesen sowie die Reinigung eventuell kontaminierter Gegenstände wie Kinderspielzeug. RSV kann in jedem Alter Infektionen auslösen. Vor allem Risikogruppen wie Frühgeborene, Kinder mit pulmonalen Vorerkrankungen (z.B. zystische Fibrose, neurologische und muskuläre Erkrankungen mit eingeschränkter Ventilation), angeborenen Herzfehlern, Erwachsene mit pulmonalen und kardialen Vorerkrankungen sowie immunsupprimierte Personen (z.B. nach Organtransplantationen, hämatologische Erkrankungen) können von einer aktiven Immunisierung profitieren. Auch bei Personen ab 60 Jahren treten aufgrund des altersbedingten Rückgangs der Immunabwehr sowie weiterer Grunderkrankungen häufiger schwere RSV-Infektionen auf.
Eine Impfung in der Schwangerschaft (nur Impfstoff Abrysvo® zugelassen) führt zu einem passiven Schutz des Säuglings ab der Geburt bis zum Alter von sechs Monaten vor Erkrankungen, die durch RSV verursacht werden.
Für Kleinkinder mit hohem Risiko für schwere Krankheitsverläufe steht darüber hinaus ein monoklonaler Antikörper (Nirsevimab, Beyfortus®) als passive Immunisierung für Neugeborene, Säuglinge und Kleinkinder unter zwei Jahren während ihrer ersten RSV-Saison zur Verfügung.
Liste aller in Deutschland zugelassenen RSV-Impfstoffe (PEI)
Arexvy®: Einmalige Gabe nach Rekonstitution intramuskulär, üblicherweise in den Oberarm.
Abrysvo®: Einmalige Gabe nach Rekonstitution intramuskulär in den Deltamuskel des Oberarms.
Beyfortus® (Nirsevimab): Einmalige gewichtsadaptierte Gabe intramuskulär, vorzugsweise in den anterolateralen Oberschenkel.
Angaben zum Impfschutz
Zur Dauer des Impfschutzes bei Erwachsenen liegen keine ausreichenden Daten vor. Bei Säuglingen ist sowohl für die passive Immunisierung über die Mutter als auch für die direkte passive Immunisierung eine Immunität von mindestens sechs Monaten anzunehmen.
Indikationen
In Deutschland sind seit Sommer 2023 zwei Impfstoffe sowie seit Herbst 2023 ein monoklonaler Antikörper zugelassen.
Der Impfstoff Arexvy®, ein monovalenter adjuvantierter RSV-Impfstoff, ist ab 60 Jahren zugelassen.
Der Impfstoff Abrysvo®, ein bivalenter, nicht- adjuvantierter Impfstoff, ist ab 60 Jahren als aktive Immunisierung sowie für Schwangere zwischen den Schwangerschaftswochen 24 und 36 als passiven Schutz des Säuglings zugelassen.
DIe STIKO empfiehlt eine einmalige Impfung gegen RSV als Standardimpfung für alle Personen älter als 75 Jahre und für Personen im Alter von 60 bis 74 Jahren mit einer schweren Grunderkrankung oder als Indikationsimfpung für Personen, die in einer Einrichtung der Pflege leben.
Seit Juni 2024 empfiehlt die STIKO für allen Neugeborenen und Säuglingen eine RSV-Prophylaxe mit dem monoklonalen Antikörper Nirsevimab (Beyfortus) als Einmaldosis vor bzw. in ihrer 1. RSV- Saison. Säuglinge, die zwischen April und September geboren sind, sollen Nirsevimab möglichst im Herbst vor Beginn ihrer 1. RSV-Saison erhalten. Neugeborene, die während der RSV-Saison (üblicherweise zwischen Oktober und März) geboren werden, sollen Nirsevimab möglichst rasch nach der Geburt bekommen. Neugeborene und Säuglinge sind in ihren ersten 6 Lebensmonaten besonders gefährdet, schwer an RSV zu erkranken.
Beyfortus® (Nirsevimab), ein monoklonaler
Antikörper als passive Immunisierung für Neugeborene, Säuglinge und Kleinkinder unter zwei Jahren.
Wechselwirkungen
Beyfortus®:
Es wurden keine Studien zur Erfassung von Wechselwirkungen durchgeführt. Da Nirsevimab ein monoklonaler Antikörper zur RSV-spezifischen passiven Immunisierung ist, ist nicht zu erwarten, dass es die aktive Immunantwort auf gleichzeitig angewendete Impfstoffe beeinflusst.
Kontraindikationen sind Allergien gegen Impfstoffbestandteile, ungeklärte schwere Impfreaktionen nach durchgeführten Impfungen sowie akute Erkrankungen.
Nebenwirkungen
Detaillierte Angaben zu weiteren Nebenwirkungen im Zusammenhang mit der Gabe aller in Deutschland zugelassenen Impfungen enthalten die Hinweise für Ärzte zum Aufklärungsbedarf über >> Unerwünschte Wirkungen bei Schutzimpfungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut. Beachten Sie zusätzlich die Packungsbeilage des Herstellers.
Auffrischung
Es liegen bisher keine Daten zur Notwendigkeit einer Auffrischimpfung für aktive RSV-Impfstoffe vor.
Da monoklonale Antikörper als passive Immunität nur im Säuglingsalter gegeben werden ist keine Auffrischimpfung vorgesehen.
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